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Der Begriff “Bildung“ scheint in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus der öffentlichen Betrachtung gerückt zu sein; zu unzähligen Malen jener wiederholte Ruf nach mehr Bildung, nach besserer Bildung, nach Chancengleichheit durch noch bessere Bildung, nach diversen Reformen des Bildungswesens – Neue Mittelschule, Zentralmatura, perge perge – die Flut an Forderungen nach noch mehr, nach noch besserer, nach noch umfassenderer Bildung reißt nicht ab; dessenungeachtet könnte man zuweilen fast den Eindruck bekommen, daß Bildung desto weniger dort zu Hause ist, wo am häufigsten und andauerndsten darüber geredet wird! Wie es sich mit dem neuen Bildungswahn unserer Zeit verhält und weshalb der allgemeine Bildungsstand trotzdem immer mehr im Argen liegt, wollen wir in den nachfolgenden Zeilen aufzuzeigen versuchen.
Vor noch gar nicht allzulanger Zeit – mögen es nun zwanzig oder dreißig Jahre sein – schien die Welt der Bildung noch in der ausgebreitetsten Ordnung; kaum wurden jemals Debatten über das Bildungssystem laut, Schulen wie Lehrer standen allgemein in einem wohlgegründeten Rufe, und wenngleich das eine oder andere Mal Dinge arrivierten, die anzeigten, daß auch in jener Zeit nicht immer alles eitel Wonne war, so wäre dennoch niemand wahrhaft auf die Idee gekommen, an den herrschenden Normen und der Zweckmäßigkeit dieses Systems zu rütteln. Freilich gab man sich damals noch zufrieden, die Schüler zunächst einmal anständig das Lesen, Schreiben und Rechnen zu lehren, ehe man sich an höhere Aufgaben heranwagte; unsere Gesellschaft indes schien mit den Kenntnissen ihrer jungen Zöglinge zufrieden, die Grundlagen unserer Bildung wurden im allgemeinen solide beherrscht, und wenn auch nicht jeder angehende Mechaniker oder Maurer Englisch sprach, das Abitur hatte oder durch außerordentliche Kenntnisse auf dem Gebiete der Natur- oder Geisteswissenschaften glänzte, welche er in seinem künftigen Berufe wohl ohnehin nicht gebraucht hätte, so war doch beinahe jedermann/ -frau (sic!) imstande, einen geraden Satz zu schreiben, zu lesen und ohne Zuhilfenahme eines Taschenrechners eine halbwegs einfache Rechenaufgabe zu lösen. Kurz, unser Bildungssystem wurde niemals ernsthaft in Frage gestellt, wer sich für höhere Aufgaben qualifiziert fühlte, hatte auch damals schon die Möglichkeit, eine Mittelschule oder gar eine Universität zu besuchen, unsere Pädagogen waren zum größten Teil mit den notwendigen Autoritäten ausgestattet, um sich bei ihren Schützlingen den nötigen Respekt zu verschaffen, und selbst die Kecksten unter uns wagten nur selten aufzubegehren, sodaß es zwar nicht so war, daß es an diesem System nichts zu bessern gegeben hätte, aber im großen und ganzen doch niemand an seinem grundsätzlichen Funktionieren zweifelte; das Bildungswesen war, wie es war, mit all seinen guten und weniger guten Seiten, und so wie es war, befand man es gut!
Nun höre ich indes bereits die Stimmen der Kritiker sich regen: man könne nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, in den verwichenen Jahrzehnten hätten gar viele Dinge sich gewandelt, und nur einem Ewiggestrigen könne es einfallen, damalige Maßstäbe an die Verhältnisse der Gegenwart anzulegen; die Wissensgebiete hätten sich erweitert, man gewinne fortgesetzt neue Erkenntnisse, welche den Wissensstand früherer Zeiten korrigiere, verbessere und vertiefe, und außerdem erforderten die neuen Errungenschaften der Technik ohnehin einen gänzlich anderen Zugang zur Vermittelung von Wissen; junge Menschen hätten heute sattsam damit zu schaffen, sich mit der Funktionsweise eines Mobiltelefones, Smartphones oder Computers vertraut zu machen, ohne die man im heutigen Leben nicht mehr bestehen könne, die universelle Vernetzung und Globalisierung erfordere komplexere Kommunikationsstrukturen, welche in einer ordentlichen Beherrschung von Fremdsprachen, insbesondere der englischen, ihre Grundlage hätten, und überhaupt habe man später auf dem Arbeitsmarkt nur dann eine Chance, wofern man eine gute Ausbildung vorweisen könne: eine gute Ausbildung erfordere deshalb wenigstens das Abitur, [1] idealerweise jedoch überhaupt gleich ein Studium: im europäischen Vergleich habe unser Land nämlich noch immer eine viel zu geringe Anzahl an Akademikern, eine gute Ausbildung sei schließlich das Fundament für das weitere Fortkommen in der Gesellschaft, und deshalb könne man gar nicht genug darauf dringen, das Bewußtsein für Bildung im jungen Menschen zu wecken und zu stärken. So weit so gut, und an und für sich betrachtet ist diese Denkungsart auch keineswegs falsch, nur scheint sie mir etwas im Widerspruch zur Realität zu stehen, was sich denn am deutlichsten an jenem nicht enden wollenden Geschrei nach einer Bildungsreform äußert; was wir damit meinen, wollen wir in den nachfolgenden Zeilen zu erörtern suchen.
Wir stellen fest, daß sich jene merkwürdige Unzufriedenheit mit unserem Bildungssystem in mehr oder weniger wachsendem Maße seit der durchgängigen Einführung computerisierter Hilfsmittel in unsere Gesellschaft beobachten läßt: wir könnten sagen, die Welt sei seitdem „kleiner“ geworden, indem wir auf solche Weise beständig mit sämtlichen ihrer Glieder in Berührung stehen und solchermaßen der Globalisierung und Liberalisierung im allgemeinen großer Vorschub geleistet worden. Nun wäre dies, im rechten Maße freilich, durchaus nichts Arges, indem eine gewisse Offenheit für Anderes und Neues von jeher die Triebfedern eines vernunftgemäßen Fortschrittgedankens gewesen sind; indes hat das Unmaß dieser Tendenz unter anderem auch jene unerquickliche Überliberalisierung gezeitigt, indem es nun vielfach als verpönt und erzkonservativ gilt, an Traditionen festzuhalten und jegliches Bestreben, das die Bewahrung einer gesunden Individualisierung und Differenzierung zum Ziel hat, als diskriminierend und diffamierend dargestellt wird. Das, was von minder wohlwollenden Beurteilern zuweilen wenig verbindlich als „Gleichmacherei“ bezeichnet wird und die damit verbundene Abkehr von altbewährten Strukturen ist, um mit den Worten der Bibel zu reden, für unsere Gesellschaft zu jenem Eckstein geworden, den die Bauleute verworfen haben [2], indem nun versucht wird, alles und jeden in das unbequeme Prokrustesbett der Norm und Durchschnittlichkeit zu zwängen, wo in Wahrheit kein Platz mehr für Andersartigkeit und „So-Sein“ ist, obwohl gerade die damit assoziierte und proklamierte „Toleranz“ zum Schlagwort dieser Liberalisierungsbewegung geworden ist; doch wie überall, wo viele Worte gebraucht werden, wird von dieser vielbemühten Toleranz desto weniger fühlbar, wenn am meisten und lautesten darüber räsoniert wird!
Um unseren Gegenstand nicht aus den Augen zu verlieren, stellen wir fest, daß es neben der erwähnten Übertechnisierung vor allen Dingen jene falsch begriffene, ursprüngliche „Gleichheit“ des Menschen ist, die zu all diesen Übeln geführt hat, indem dies eben nicht jene Gleichheit des Menschen meint, die glaubt, alles und jeden in das Korsett einer passiven Mittelmäßigkeit drängen zu müssen, sondern eben jene erste Freiheit des Menschen, die uns alle als freigeborene Geschöpfe begreift und uns dazu verpflichtet, durch selbsttätiges Handeln im Sinne der Humanität und Menschlichkeit füreinander einzustehen und das Beste für unsere Spezies, die Menschheit selbst, zu wollen. Nur durch diese beiden, sich wechselseitig bedingenden Kräfte war es möglich, einen solch verschrobenen Begriff von Gleichheit in die Welt zu setzen, der nun auf allerlei Weise manifest wird: ob in jenem verzweifelten „Versuch“ einer Neuen Mittelschule, wo der kaum der deutschen Sprache mächtige Proletariersproß nun gemeinsam mit dem Arztsohn, die nicht nur milieubedingt die unterschiedlichsten Ansprüche und Voraussetzungen haben [3], die Schulbank drücken soll und man jegliche Vorstellung von Benotungssystemen, Klassenwiederholungen oder „klassifizierend-wertende“ Einrichtungen wie spezifische Schultypen, in denen man früher mit der größten Selbstverständlichkeit Schüler mit weniger guten – sozialen wie natürlich bedingten – Voraussetzungen zu lehren und zu erziehen pflegte, ad absurdum führt, obwohl jene vermeintlicherweise „Diskriminierten und Ausgegrenzten“ im späteren Leben sehr wohl in der Lage waren, ihren eigenen Weg zu finden und zu beschreiten.
Jedem Säugling, der nicht der Norm gemäß schreit, würde man am liebsten sogleich einen Logopäden zur Seite stellen, und jedes Wickelkind, das nicht innerhalb einer bestimmten Zeit sprechen oder laufen lernt, wird sogleich als „anormal in seiner Entwickelung“ angesehen und bedürfe externer Hilfe – als ob wir alle nur normierte und etikettierte Objekte wären, die sich nur mehr anhand von irgendwelchen Normen und Statistiken definieren ließen und nicht auf eben unsere Art einzige Wesen, deren Einzigartigkeit und Individualität die eigentlichen Kennzeichen des Menschen sind und wir uns ja gerade dadurch von Maschinen und Robotern unterscheiden! Es will beinahe scheinen, als hätte jener Technisierungswahn nun auch den Menschen schlechthin erfaßt und wäre man nunmehr bestrebt, in jedem Menschen nur mehr eine nach biomechanischen Prozessen funktionierende „Maschine“ zu sehen, die nach wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten funktioniere; eine übersteigerte Technokratie, mit all ihren wunderlichsten Ausprägungen unmerklich zur „Beherrscherin“ unserer Gesellschaft geworden, übt ihren Einfluß auch auf den Menschen per se – und dies nicht nur insoweit, als er mittlerweile Sklave seiner eigenen Errungenschaften geworden ist, sondern bereits anfängt, sich selbst nur mehr als eine Art Biomechanismus zu begreifen, dessen Gehirn einem Computer und dessen Herz einem Motor gleicht!
Diese Art der „Gleichschaltung“, die in der Tat etwas Groteskes und Ungeheuerliches an sich trägt, ist nun, zusammen mit der damit verbundenen und vorhin erwähnten Überliberalisierung, die in jeder Art von Tradition und Autorität sogleich Intoleranz, Rassismus, Diktatur und ähnlich abstruse Dinge sieht, allmählich zur Wegbereiterin unseres gegenwärtigen Bildungssystems geworden, das nun damit anfängt, bereits im Kindergartenalter Dinge vorwegzunehmen, die man in früheren Zeiten erst in der Schule in Angriff nahm. Dort erstmals mit dem herrschenden Gesellschaftskanon konfrontiert, setzt sich diese Entwickelung in den Grundschulen konsequent fort: mit Dingen überfordert, die weit über die Qualitäten eines sechs- oder siebenjährigen Kindes hinausgehen, sucht man nun dem kollektiven Bildungswahn gerecht zu werden, indem die Schüler nun am besten alles auf einmal und lieber gestern als heute obendrein lernen sollen, ohne im mindesten auf die seelischen Bedürfnisse eines Kindes Rücksicht zu nehmen: mit allerlei Disziplinen beschwert, die in früheren Zeiten erst nach und nach behutsam in den Unterricht eingeführt wurden – der seelischen Reife und dem Entwicklungsprozeß eines jungen Menschen gemäß – verkümmern die natürlichen Fähigkeiten immer mehr, indem man nämlich irrtümlicherweise glaubt, mit dem Hausbau beim Dach anfangen zu müssen, ohne doch zunächst das Fundament gelegt zu haben: gelehrt von Pädagogen, denen jegliche Autorität der Erziehung entzogen wurde und die, mit der Situation oftmals selbst überfordert, kein Mittel sehen, ihre Zöglinge an Aufgaben heranzuführen, die sie unmöglich bewältigen können, leiden endlich die Grundlagen zuallernächst, indem Schüler, noch kaum des ordentlichen Lesens und Schreibens mächtig, sich bereits an das Pauken englischer Vokabeln machen sollen, obwohl sie ihre eigene Muttersprache noch kaum auf rechte Weise beherrschen. In allen Autoritätsmaßnahmen gehemmt und durch allerlei alberne Vor-, Neben- und Rücksichten in ihren Möglichkeiten restringiert, müssen selbst engagierte Lehrpersonen häufig tatenlos zusehen, wie weniger geschickte und lernfähige Schüler ein ordnungsgemäßes Vorankommen im Unterricht behindern und auf diese Weise ohne Absicht jene disqualifizieren, die zu weit größeren Leistungen befähigt wären und durch permanente Überforderung in Sachen Quantität sowie permanente Unterforderung in Sachen Qualität endlich jegliche Ambitionen aufgeben und resignierend im allgemeinen Mittelmaß untergehen, das nur deshalb noch Mittelmaß ist, weil wir die wohlwollende Elle gegenwärtiger Maßstäbe anlegen [4] und solchermaßen eben nicht die Qualität der Schüler, sondern die Qualität des Unterrichtes sinkt  – und das nicht etwa deshalb, weil unsere heutigen Pädagogen im allgemeinen weniger geschickt wären, sondern vorzüglich deshalb, weil man glaubt, unsere Kinder bereits in jungen Jahren mit Dingen belasten zu müssen, für die sie weder die nötige Reife haben noch es überhaupt sinnvoll erscheint zu glauben, je früher man anfange, gewisse Dinge zu erlernen, desto besser für den Schüler: setzt doch jeglicher Lernprozeß zunächst einmal die notwendige Reife des Lernenden voraus, und anstatt zu respektieren, daß ein junger, in der Entwicklungsphase befindlicher Mensch gerade während seiner Kindheit unserer besonderen Fürsorge und Rücksichtnahme bedarf, überfordert man unsere Kinder bereits in ihren zartesten Jahren mit Ansprüchen, denen wir Erwachsene doch selbst kaum gerecht zu werden vermögen! So erweist sich dieser Schritt endlich als höchst kontraproduktiv und ruft uns zuletzt wieder jene alte Regel in Erinnerung, daß weniger oft mehr ist und Weniges, gut gelernt, allemal besser als Vieles halb, schlecht oder eben gar nicht gelernt! So verhält die Sache sich, und in Personalunion mit einer omnipräsenten Technologie, die einem erlaubt, jegliche Art des Wissens nicht nur der Art nach, sondern auch der Quantität nach in schier unzählbaren Variationen abzurufen, sodaß ein- und dieselbe Information oftmals in zehn verschiedenen Versionen erscheint – die Diversität der Informationen also allgemein extensiver und damit vielschichtiger geworden ist und es dem Menschen schwerer macht, ein treffendes Urteil zu fällen – und auf solche Weise auch weniger jenes Ziel angestrebt wird, sich Wissen einzuprägen und zu behalten, indem es hinlänglich scheint, es jederzeit abrufbar zu haben und man offensichtlich lieber zehnmal dieselbe Information nachschlägt, anstatt sie sich ein einziges Mal dauerhaft einzuprägen. Überflüssig die Bemerkung, daß sich all diese Dinge höchst nachteilig auf die Merk- und Konzentrationsfähigkeit von Menschen auswirken und das notwendige Resultat auf lange Sicht ein stetes und allgemeines Sinken der schulischen Leistungen, aber auch des Schulniveaus per se bedeuten muß! Indem so einerseits das Potential der Schüler brachliegt, indem es nur ungenügend ausgeschöpft wird und die Leistungen hier durch Überforderung, dort durch Unterforderung sinken, wird andererseits auch das Potential unserer Pädagogen durch unsinnige Vorschriften und falsche Sachzwänge keineswegs gefördert und so der allgemeine Unterrichtsverfall in mancherlei Hinsicht beschleunigt und potenziert; ohnmächtig konstatiert man einen schleichenden Bildungsverfall, ohne doch eigentlich die Ursachen dafür zu bestimmen, und in dieser gänzlichen Unkenntnis erklärt man einen Schüler, der im Unterricht zurückbleibt, lieber als nicht den schulischen Anforderungen entsprechend und der Nachhilfe, möglicherweise sogar des psychologischen Beistandes bedürftig, anstatt zuzugeben, daß eine gezielte Förderung auf anderer, weil angemessenerer Ebene – im optimalen wie im suboptimalen Bereich – die bessere Lösung wäre; man dünkt sich klug darin, den Berg zum Propheten zu tragen, wenn der Prophet nicht zum Berg kommen will!
Mit den Quantitäten, keineswegs aber mit den Qualitäten einer Bildung versehen, treten die jungen Menschen zuletzt aus der Grundschule, ohne doch einmal von unserer Erwachsenengesellschaft gefragt worden zu sein, ob sie sich bei dieser Art der geistigen Erziehung wohl befinden und ob sie – die eigentlich Betroffenen – nicht etwa Anschläge zu sinnvollen Veränderungen oder Verbesserungen vorzutragen hätten; mit einem Egoismus, der seinesgleichen sucht, bestimmt die Erwachsenenwelt über ihre Köpfe hinweg, wie die Erziehung unserer Kinder in den Schulen auszusehen habe, und mit demselben Egoismus werden sie später in Rollen gedrängt, die nur eine weitere Ausformung jener ungeheuren Verbildung bedeuten, die sie bereits aus der Grundschule überkommen. Hat man die Menschen in jenen jungen Jahren, in denen die Grundlegung von Wissen für gewöhnlich am besten gedeiht, in ihrer Bildung erst gründlich verdorben, so ist ihre weitere Verbildung und Verballhornung an den Mittelschulen sowie später an den Universitäten nur noch Formsache, sodaß von den reichen und vielversprechenden Individuen, die unsere Kinder doch einmal sind, gleichsam nur noch die kümmerlichen Reste eines geplünderten Gastmahles zurückbleiben: auf allerlei Weise manipuliert und verbildet, betreten sie die Matrix unseres kollektiven Wahnsinns, wo sie mit der Arbeitswelt wiederum eine Welt voller Zwänge und blöder Rücksichten erwartet, welche sie, von der uniformen Erziehung an unseren Schulen bereits vielfach abgestumpft, mehr oder weniger erleiden; die besorgniserregende Zunahme von psychischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft scheint dieser These auf das beweiskräftigste Bestätigung zu verleihen!
Untersuchen wir nun, wie eine solche Bildungsreform, welche allenthalben mit verzweifelten Rufen eingefordert wird und welcher die Menschen allem Anscheine nach so machtlos gegenüberstehen, denn auszusehen habe, so ist zu antworten, daß es zuallernächst darum geht, jene drei Übel aus unseren Schulen, ja unserer Gesellschaft überhaupt zu entfernen: die Überforderung, den Überliberalismus, die Übertechnisierung!
Beginnen wir zunächst mit der Überforderung. Im Sinne einer gesunden und vernunftgemäßen Bildung gilt es – wie im übrigen Leben – sich wieder der wesentlichen Grundpfeiler unserer Bildung zu besinnen, die da eben in einer ordentlichen Beherrschung der eigenen Muttersprache, des Lesens, Schreibens und den Grundlagen der Mathematik bestehen. Jene Dinge nämlich sind es, die uns erst zu allem Weiteren befähigen: denn ohne vernünftige Kenntnis der eigenen Sprache werde ich wohl kaum jemals eine fremde erlernen, und ohne vernünftig lesen oder schreiben zu können werde ich wohl überhaupt niemals irgendwelches formales Wissen weder fassen noch erwerben können [5], und ohne irgendeinem Begriff von Zahlen und ihrem Verhältnis zueinander werde ich niemals imstande sein, in die höhere Bedeutung und den quantitativen Wert aller Begrifflichkeiten einzudringen. Hat man diese Erkenntnis einmal gefaßt, so scheint es sonnenklar, daß uns an einer soliden Grundlagenbildung unserer jungen Menschen insbesondere gelegen sein muß. Wie wir weiter oben schon bemerkt haben, fängt auch die Konstruktion eines Gebäudes zunächst mit der Gründung des Fundamentes an, und hat es an diesem gefehlt, so wird es einst wie der Turm zu Babel [6] in sich zusammenstürzen. Es ist keineswegs notwendig, einen jungen Menschen bereits von frühester Jugend an mit der Erlernung von Fremdsprachen, mit Ballett-, Geigen- oder Computerunterricht zu quälen, da jene mittlerweile ohnedies mit all unseren technischen Errungenschaften aufwachsen und derlei Dinge naturgemäß zumeist besser beherrschen als viele Erwachsene. Sind nämlich die Fundamente des Wissens einmal ordentlich gelegt, so werden unsere Kinder in viel kürzerer Zeit all die übrigen Dinge erlernen, die man ihnen heute unnötigerweise schon von allem Anfang an glaubt aufbürden zu müssen – auch wenn man mit der Erlernung dieses Wissens erst später, dafür aber in einem dafür angemesseneren Alter beginnt; denn überhaupt bedeutet Grundlagenbildung, unseren Schülern eben jenes Wissen zu vermitteln, dessen jeder von uns auch im alltäglichen Leben bedarf, und darin eben besteht der elementarste und bedeutendste Teil aller Bildung: wie hart und demütigend es für Menschen sein muß, die niemals vernünftig Lesen und Schreiben gelernt haben und die deshalb zu den mannigfachsten Beschränkungen des alltäglichen Lebens gezwungen werden, kann man sich nur ausmalen; jeden jungen Menschen, ob er nun Handwerker oder Professor werden will, auf die Herausforderungen des alltäglichen Lebens vorzubereiten, darin besteht der vorzüglichste Auftrag unserer Grundschulbildung: gelingt es, dieses Ziel im größten möglichen Umfange zu erreichen, so stehen den jungen Menschen sämtliche Wege offen!
Damit wären wir nun beim zweiten Punkt, jenem jegliche Autorität so untergrabenden und verderblichen Überliberalismus angelangt. Dieser äußert sich so gerne in jenem Bestreben, im Sinne einer vermeintlichen Gleichheit alle Menschen über einen Kamm scheren zu wollen, wodurch notwendig jegliche Originalität und Individualität verlorengeht. Nichts erscheint dieser Art von Liberalismus mehr tadelnswert, und selbst die ungeheuerlichsten Dinge sollen im Sinne der Toleranz gebilligt werden. Diese Gesinnungsart zeitigt endlich die fatalsten Folgen, indem jede vernünftige Selektion vernichtet wird und jungen Menschen keine Grenzen mehr gesetzt sind, welche für die gesunde Entwickelung des Individuums doch so wichtig und unentbehrlich sind. Alles soll heute gleichsam spielerisch vonstatten gehen, jegliche gesunde Konsequenz wird sogleich als diskriminierende und inhumane Praktik empfunden, und nur auf diese Weise konnte es geschehen, daß junge aber auch bereits erwachsene Menschen zum Teil unverschuldet in einen Zustand der Respektlosigkeit gegenüber allgemein gültigen Wertvorstellungen und Gepflogenheiten des gesellschaftlichen Anstandes geraten sind! Allein durch jenen Umstand, daß unsere Pädagogen vielfach jeglichen Anspruches auf Autorität verlustig gegangen sind, ja nicht die wenigsten unter ihnen ohne arge Absicht diesen Liberalismus, der kaum noch Grenzen anerkennt, als Offenheit und fortschrittliches Denken mißinterpretieren, konnte jene Gesinnungsart in unsere Schulen Einzug halten, die nichts mehr von Grenzen und der natürlichen Unterschiedlichkeit von Menschen wissen will, sondern schlechterdings alle über einen Leisten schlägt. Der beste Beweis dafür sind die Neue Mittelschule, das Bestreben, am Anfang der Grundschulen keine Benotungen mehr vorzunehmen sowie Klassenwiederholungen nun allgemein als kontraproduktiv vorzustellen. Anstatt einer vernünftigen Selektion, die jeden nach seinen individuellen Begabungen und Fähigkeiten fördern und junge Menschen rechtzeitig auf den Weg ihrer Stärken, Neigungen und eigentlichen Bestimmung führen soll, preßt man jene nun in ein Korsett, indem bei jedem dieselben Normen, dieselben Maßstäbe, dieselben Kriterien gelten sollen, obgleich sowohl Persönlichkeiten wie auch Fähigkeiten unserer Schüler oftmals himmelweit verschieden sind! Hier erscheint es einzig und alleine sinnvoll, unsere Pädagogen wieder mit gewissen Autoritäten auszustatten, die auch rechtsgültige Wirksamkeit haben, damit die Rollen der Erziehung wieder klar verteilt werden: denn gar oftmals beobachten wir, wie Eltern versuchen, jegliche erzieherische Verantwortung auf die Lehrer abzuwälzen, wohingegen die Neigung nicht weniger Pädagogen dahin geht, auch für den schulischen Erfolg immer mehr die Eltern verantwortlich zu machen. Hier muß es ganz klare Kompetenzen geben: tragen die Eltern die Verantwortung für die moralische Erziehung ihrer Sprößlinge, so nicht minder unsere Pädagogen für die schulische! Daß gute Eltern auch bestrebt sein werden, ihre Sprößlinge so weit als möglich in ihren schulischen Ambitionen zu befördern, bedarf keiner weiteren Erwähnung, und daß in gleicher Weise ein guter Pädagoge auch konstruktiven Einfluß auf die moralische Erziehung seiner Zöglinge nehmen wird, ebenso: gleichwohl darf es über die grundsätzliche Teilung dieser Verantwortung keine Unklarheiten geben, wenn dieses System nach rechter Weise funktionieren soll! Eine realistische Einschätzung der natürlichen Gegebenheiten muß wieder Platz greifen; ein gesunder Sinn für natürliche Grenzen muß wieder entstehen, wieder die Einsicht statthaben, daß eben nicht jeder dazu taugt, eine Mittelschule oder eine Universität zu besuchen, sondern eben nur jene, die dafür auch die erforderlichen Fähigkeiten und Voraussetzungen mitbringen. Es muß jene verkehrte Denkungsart endlich aufhören, ein junger Mensch ohne Abitur oder akademische Ausbildung wäre von minderem Bildungsgrad oder hätte geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wo wir doch gerade jene Menschen am allernotwendigsten bräuchten, welche ein ordentliches Handwerk beherrschen und ihr Metier von Profession betreiben; diese falsche Bildungswut treibt ganze Scharen von Menschen in Mittelschulen und auf Universitäten, die dort – sit venia verbo – nichts zu suchen haben und eben dadurch das Niveau unserer Bildungseinrichtungen sinkt und einer Inflation gleicht: denn Quantität geht immer auf Kosten von Qualität, soviel ist gewiß, und das Verkehrte dieses ganzen Denkens erweist sich auch darin, daß viele junge Menschen es eigentlich zufrieden wären, in aller Bescheidenheit ein Handwerk oder einen Beruf zu erlernen, würde sie nicht der falsche Ehrgeiz ihrer Umwelt oder die beständig wiederholten Versicherungen, ohne Abitur oder akademische Ausbildung wäre man im Leben stets der Zweite, auf Wege treiben, die ihren innersten Neigungen oftmals widersprechen. Um es auf den Punkt zu bringen: es bedarf wieder der Autorität, der Selektion und der Differenzierung, wenn wir wollen, daß jeder nach seinen Begabungen und Kräften gefördert werde und wir später nicht Menschen an allen möglichen Positionen haben, für die sie gänzlich ungeeignet und mit denen sie selber oftmals unglücklich sind. Kein vernünftiger Mensch wird verlangen, daß wir wieder in die Steinzeit zurückkehren; aber auch Liberalisierung will im rechten Maße geübt werden, und erst, wenn wir wieder lernen, Wertigkeiten und Differenzierungen als natürlich anzuerkennen, wird es uns gelingen, das System unserer Bildung wieder in die rechten Geleise zu lenken.

Und damit sind wir beim dritten Punkte angelangt – der Übertechnisierung! Wir haben auf dieses Übel schon mehrfach Bezug genommen, und gerade jener Umstand, daß wir uns – auch in den Schulen – immer mehr von technischen Hilfsmitteln unterstützen lassen, ist die Ursache, daß wir uns immer mehr auf diese verlassen, anstatt uns unserer eigenen Fähigkeiten zu besinnen. Wie mancher Studiosus doch löst mit Hilfe seines elektronischen Rechners eine Kurvendiskussion, ist aber kaum in der Lage, ohne Hilfsmittel eine korrekte Division oder Multiplikation mit Kommastellen durchzuführen. Unmerklich haben wir uns bereits von Kindheit an daran gewöhnt, uns auf die Technik zu verlassen, die wir nun auch immer häufiger in Form von mobilen Kommunikationsmitteln mit uns herumschleppen, sodaß wir Wissen jederzeit zur Verfügung haben, ohne doch dadurch unsere eigene Bildung im geringsten zu befördern. Es läßt sich nicht leugnen, daß technische Hilfsquellen ab einem bestimmten Punkt die Trägheit befördern, sodaß wir der Bequemlichkeit halber unsere eigenen Qualitäten schlechterdings durch technische Hilfsmittel ersetzen und so immer mehr naturgegebene Fähigkeiten brachliegen lassen. Es wäre deshalb von außerordentlicher Wichtigkeit, indem unser übriges Leben ohnehin genugsam von der Technik bestimmt wird, wenigstens in den Grundschulen in bestmöglichem Maße auf jegliche Form technischer Unterstützung zu verzichten, damit die Grundlagen umso besser gedeihen: es mag hinreichen, wenn der Schüler nach dem Unterricht wieder sein Smartphone zur Hand nimmt, und es mag hinreichen, wenn er sich nach dem Unterricht zu Hause noch vor den Computer hockt und sich dort mit allerlei Dingen beschäftigt. Allein wir wollen keineswegs die Unumstößlichkeit jener Hilfsmittel in den fortgeschrittenen Stadien unserer Schulbildung in Abrede stellen, da wir weder das Rad der Zeit zurückdrehen können noch eigentlich wollen; wir müssen aber erkennen, ab welchem Punkt uns derlei Dinge abhängig machen und schädlich sind, indem wir unsere eigenen Fähigkeiten verkümmern lassen und ganz besonders junge Menschen eben jene Dinge nachahmen, die sie von der Erwachsenenwelt überkommen: und wenn wir, die Erwachsenen, nicht in der Lage sind, jungen Menschen den verantwortungsvollen Umgang mit Technik zu lehren, wer sollte diese Verantwortung sonst übernehmen? Durch den verantwortungsbewußten Umgang mit den Dingen verleihen wir diesen erst ihren wahren Wert, und dazu bedarf es, daß wir unsere Kinder langsam an diesen bewußten Umgang heranführen und sie nicht kritiklos daran gewöhnen, unsere Qualitäten und Fähigkeiten um der Bequemlichkeit der Technik willen aufzuopfern. Kurz, ein bewußterer und sensiblerer Umgang mit technischen Hilfsmitteln an unseren Schulen wäre ein erster Weg, junge Menschen von einer virtuellen Welt in die tatsächliche Realität zurückzuführen und wieder mehr in die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu vertrauen. Wie dieser bewußtere Umgang in concreto aussehen könnte, darüber sei jedem Leser anheimgestellt, seine eigenen Betrachtungen anzustellen; und wenn wir mit dem bisher Gesagten auch keineswegs den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erheben wollen, so haben wir unser Ziel gleichwohl erreicht, wenn wenigstens einige Menschen darüber zu reflektieren beginnen, wie die Weichen für eine Reform unserer Bildung, die so oft und so vehement gefordert wird, auf vernünftige Weise gestellt werden können: denn einfach aufs Geratewohl blinde Experimente zu wagen und zu sehen, was hiervon das Resultat sei, dazu scheint uns der vorliegende Gegenstand zu bedeutsam –  liegt doch in einer guten und soliden, menschlichen Bildung unserer Kinder schließlich auch unsere eigene Zukunft! Und vergessen wir dabei auf gar keinen Fall, Rücksicht auf die Bedürfnisse junger Menschen zu nehmen, anstatt im kollektiven Egoismus des Bildungswahns nur unsere eigenen Vorstellungen zu verwirklichen, ohne auf jene zu achten, die davon zuallernächst betroffen sind! Wahre Bildung nämlich kann nur dort gedeihen, wo jeder einzelne Teil bereit ist, Eigenverantwortung zu übernehmen – Eigenverantwortung, losgelöst von den Indoktrinationen einer kranken Leistungsgesellschaft, einer überliberalen Gesellschaft, einer hypertechnisierten Gesellschaft! Wir haben uns diese künstliche Matrix selbst geschaffen, und es wird schwer halten, sich wieder im vernünftigen Maß davon zu befreien; aber haben wir den Mut dazu! Bildung ohne Fundament, Richtung und Ziel ist nichts wert und deshalb eben gar keine Bildung, die uns doch angeblich so wichtig ist! Befreien wir uns aus jener ungeheuren Matrix, mühen wir uns, die Dinge wieder so zu sehen, wie sie in Wahrheit sind und erkennen wir, daß wir vor uns selbst nicht fliehen können! Und glauben wir bloß nicht, wir täten uns damit einen Gefallen, religiöse Symbole aus unseren Klassenräumen zu verbannen! Eine gesunde Spiritualität wäre vielleicht das Nötigste, dessen es bedürfte, um wieder zu lernen, an uns selbst zu glauben – den Glauben zu fassen, daß wir so viel mehr können und so viel mehr in uns steckt, als der Anschein uns glauben machen will! Daß jeder einzelne Mensch ein Wunderwerk ist, das es gilt, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eines recht verstandenen Bildungsbegriffes zu fördern! Ob wir dazu in der Lage sein werden? Die Zukunft muß es lehren!



[1] Die vielen Möglichkeiten, heute abseits von Mittelschulen das Abitur zu erwerben – in Abendlehrgängen, Fernkursen, Berufsreifeprüfung, Studienberechtigungsprüfung usw. wirkt inflationär.

[2] Ps 118, 22; Mt 21, 42; Mk 12, 10; Lk 20, 17; Apg 4, 11; 1Petr 2, 7

[3] Nun vernehme ich schon wieder jenes Argument: gerade deshalb herrscht in den unteren sozialen Schichten ein so großes Bildungsgefälle, weil man ihnen nicht dasselbe Recht auf Bildung zugesteht wie der Mittel- und Oberschicht. Allein auch hier ist die entscheidende Frage nicht die, daß man ihnen dasselbe Recht zugestehen soll, sondern wie und auf welche Weise man ihnen dasselbe Recht zugestehen soll! Das soziale Milieu und die darin vorherrschenden Wertigkeiten schaffen zu einem Großteil die Voraussetzungen, und unterschiedliche Voraussetzungen erfordern eben unterschiedliche Fördermethoden: vernünftige Integration bedeutet nicht, an alle ohne Unterschied dieselben Maßstäbe anzulegen, sondern zunächst die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, damit dieselben Maßstäbe auch sinnvoll erscheinen. Bei zwei Läufern, wovon einer schneller ist als der andere, wird auch der Langsamere zunächst trainieren müssen, damit er schneller wird, wenn man nicht das Absurde verlangen will, daß der Schnellere mit Absicht langsamer laufe, damit der Langsamere auch ohne Training sein Ziel erreicht! Ist dieses Gleichgewicht – falls möglich – irgendwann hergestellt, wird auch ein Schüler mit schlechteren Voraussetzungen, sofern diese nicht natürlich bedingt sind, bei entsprechender Beförderung alle Möglichkeiten der Bildung vorfinden!                      

[4] Heutiges Mittelmaß wäre zu anderen Zeiten möglicherweise unteres Maß gewesen. 

[5] Man könnte nun freilich mit jener weit verbreiteten, im übrigen aber keineswegs verbürgten Überlieferung argumentieren, auch Sokrates habe nicht lesen oder schreiben können und sei doch der weiseste Mann seiner Zeit gewesen; doch erstens ist eben nicht jeder ein Sokrates, und zweitens liegen nicht nur zweieinhalbtausend Jahre zwischen damals und heute, sondern auch eine antike Hochkultur, die Erfindung des Buchdrucks und eine moderne Zeit des klassischen Werteverfalls.  

[6] Gen 11,1-9



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