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Nachdem ich an anderer Stelle [1] einmal geäußert habe, daß es gleichsam eines Dichters moralische Pflicht sei, auch zu aktuellen Gegenständen Stellung zu beziehen, möchte ich mich dieser in gewissem Sinne „selbstauferlegten“ Pflicht keineswegs entziehen, sondern im Nachfolgenden einige kritische Betrachtungen dazu anstellen.
Nun ist ja in der breiten Öffentlichkeit schon seit einigen Wochen von kaum etwas anderem mehr die Rede als von jenem unseligen Virus – begreiflich, wenn man sich überdies vor Augen hält, wie man in der gegenwärtigen Lage weder einen Impfstoff noch irgendwelche sonstigen Remedia zur Hand hat, dem grassierenden Übel abzuhelfen. Da ist denn nun, wenig verwunderlich, gar viel die Rede von Grundversorgung, von Krankenpflege, von Kurzarbeit, von Atemschutzmasken, von Sicherheitsabständen, von allerlei Restriktionen des sozialen Lebens, kurz, von allerhand Maßnahmen, die – bis zu einem gewissen, vernünftigen Grade – auch getroffen werden müssen, um einen einigermaßen geordneten Ablauf des alltäglichen Lebens zu ermöglichen sowie eine unkontrollierte Ausbreitung des Übels zu vermeiden.
Dennoch scheint mir bei all jenen Diskussionen, die da nun schon seit Tagen und Wochen geführt werden, ein ganz wesentlicher Punkt gröblich vernachlässigt: nämlich der geistig-moralische bzw. psychologische Aspekt, der im Schatten des ganzen Übels einherschreitet. Wir haben in der Zwischenzeit zahlreiche Politiker und Minister, manchen Mediziner und Virologen, manchen Wirtschaftsexperten und Zukunftsforscher sich äußern gehört; jene Stimmen aber, die vor den moralischen und psychologischen Übeln gewarnt haben, die sich unstreitig aus der kausalen Verflechtung der Verhältnisse ergeben, hat man indes nur höchst marginal, wenn überhaupt ernstlich wahrgenommen – so, als ob der Mensch bloß aus Bauch und Magen bestünde und keine Bedürfnisse hätte, die über die materielle Dimension der Dinge hinausgehen. Wir haben weiter oben jenen Maßnahmen, die darauf abzielen, die existenziellen Belange und physische Gesundheit der Gesellschaft im allgemeinen sowie jedes einzelnen von uns im besonderen sicherzustellen, schon ihre hinlängliche Bedeutung angewiesen, denn zweifelsohne wird jedem Vernünftigdenkenden einleuchten, daß derjenige, dem es am Grundsätzlichen fehlt, schlechte Voraussetzungen haben wird, in Krisenzeiten zu bestehen – was man, bedauerlich genug, auch alltäglich an jenen Ländern sieht, welche über ein nur ungenügendes Sozial- und Gesundheitssystem verfügen. Es wäre ungerecht, diesen Standpunkt nicht anzuerkennen, und deshalb gebührt allen die größte Ästimation, die in „systemrelevanten“ Bereichen die Funktionalität der Versorgung sowohl in subsistentieller als auch medizinischer Hinsicht gewährleisten.
Gleichwohl stellt sich die berechtigte Frage, wie weit ein System gehen darf, in die natürliche und ursächliche Freiheit eines jeden einzelnen, aber auch der Menschheit insgesamt einzugreifen. Wir, die gesamte westliche Welt, tun uns in Friedenszeiten ja immer sehr viel auf unsere demokratische Gesinnung zugute und führen den Begriff der Demokratie bei allerlei Gelegenheiten gern im Munde. Allein eine Demokratie verdient ihren Namen ja nicht bloß dadurch, indem sie alle materiellen Güter bereitstellt, deren der Mensch im alltäglichen Leben bedarf, sondern erhält ihre Legitimation zu einem sehr hohen Maße von den ideellen und moralischen Werten, die wir mit ihr verknüpft wissen wollen und unter denen jener Begriff der persönlichen Freiheit nicht der unbedeutendste ist; denn immer, wenn wir von Demokratie im eigentlichen Sinne sprechen, abstrahieren wir damit ja zuallernächst und vorzüglich von jenen Systemen, welche die individuelle Freiheit des einzelnen nicht kennen und unter denen die Diktatur nur deren krasseste Form darstellt. Wie schnell diese Freiheiten und Grundrechte, von denen wir sonst so salbungsvoll reden, in schwierigen Zeiten bedroht werden und in ernsthafte Gefahr geraten, wird dieser Tage mancher von uns zum Teil auf höchst unersprießliche Weise selbst erleben. Jeder Vernünftige wird einräumen, daß es gewisser allgemeiner Maßnahmen und Reglementierungen bedarf, um einer unkontrollierten Entwickelung der Dinge zu steuern; jedoch sollen, ja müssen dabei die immateriellen, unveräußerlichen Werte unserer Demokratie stets gewahrt bleiben, und das kann nur dann geschehen, wenn wir unseren Blick auch auf die moralische wie psychologische Seite hin ausdehnen. Es erscheint also verantwortungslos, wenn wir einerseits wechselweise Rücksichtnahme fordern, indem wir Atemschutzmasken in Supermärkten tragen und uns von sogenannten „Risikogruppen“, namentlich älteren Menschen, distanzieren, diese aber umgekehrt seelisch verkümmern lassen, indem wir ihnen etwa den Umgang mit den Enkelkindern verwehren und sie in Krankenhäusern, Spitälern und Altenheimen, getrennt von ihren Liebsten, einsam dahinsiechen lassen. Analoges gilt für unsere Kinder in Bezug auf den Umgang mit ihresgleichen, aber in einem erweiterten Sinne freilich für alle Menschen unserer Gesellschaft: wir fragen also, inwieweit eine übertriebene und fortgesetzte Isolation auf lange Dauer nicht wesentlich größere Schäden vor allem in psychologischer Hinsicht hervorruft, als sie in Hinblick auf die Verbreitung des Virus zu hindern vermag. Wir fragen also, ob das größere Übel nicht vielmehr in den in moralischer Hinsicht in gar manchen Stücken fragwürdigen Methoden zu suchen sei, mit denen man versucht, dem Virus zu Leibe zu rücken. Insbesondere hier zeigt es sich wieder einmal, daß in schwierigen Zeiten der Schritt von der Demokratie zum Überwachungs- und Polizeistaat vielfach ein nur sehr kleiner ist. Wir fragen also weiter: was hat es mit „Zurück zur Normalität“ zu schaffen, wenn man nun ernsthafte Debatten darüber führt, ob wir in Zukunft am öffentlichen Leben nur mehr unter zwangsverordneten Atemschutzmasken teilnehmen dürfen?! Was hat es mit „Zurück zur Normalität“ zu tun, wenn man nun ernstliche Überlegungen anstellt, den Staatsbürger dazu zu zwingen, sein Mobiltelefon auf Schritt und Tritt überwachen zu lassen, damit man stets weiß, an welchem Ort sich jemand gerade aufhält?! Und was hat es mit Normalität zu tun, wenn man die Behörden und Exekutivorgane nun anweist, die – im übrigen größtenteils mündigen – Bürger und Bürgerinnen unseres Staates zu überwachen, damit diese Maßnahmen selbstverständlich auch eingehalten werden, widrigenfalls einem (drakonische) Strafen drohen?!  
Was, so fragen wir, haben Visionen von solcher Absurdität mit Normalität und Demokratie zu schaffen, und – vor allen Dingen – wird unsere Gesellschaft auf lange Dauer eben nicht vielmehr von all den vom moralischen wie psychologischen Standpunkte aus repressiven Maßnahmen krank, mit deren Hilfe man glaubt, das Übel am wirksamsten zu bekämpfen?! Sind es nicht weit eher die aus dem ursächlichen Übel, dem Virus, resultierenden Folgen, die das essentiellere Übel darstellen?! Dabei reden wir hier keineswegs nur vom immensen, wirtschaftlichen Schaden, der uns daraus erwächst und von dem ohnehin allerorts die Rede ist; nein, wir reden hier namentlich von logischen, völlig stringenten Prozessen, die aus einer Überreaktion und die psychologisch-geistige Seite ignorierenden Verhalten der Entscheidungsträger, aber auch des Volkes allgemein, hervorgehen: wir reden von Phänomenen wie häuslicher Gewalt, von Bildungsverfall und Erziehungsdefiziten unserer Kinder, der Vereinsamung alter Menschen, von Monophobien, Existenzängsten, Gewissensnöten, Depressionen, Suizid, Alkoholismus und noch vielen anderen alarmierenden, dem allgemeinen Auge vielfach verborgenen Tragödien, die sich sowohl in der tatsächlichen, aber vor allen Dingen auch in der geistigen Isolation der einzelnen Menschen abspielen. Man braucht in diesen Tagen nur einen Blick auf den Gesichtsausdruck vieler Menschen werfen um zu erkennen, daß hier eine latente Angst vorherrscht, die im Begriffe ist, sich bei fortgesetzter Ignoranz der psychologischen Verhältnisse zu einer kollektiven Massenneurose auszuweiten. Sobald wir also Maßnahmen treffen, so dürfen wir dabei die geistigen und seelischen Bedürfnisse des Individuums keineswegs vernachlässigen. Gewiß, einer Ausbreitung des Virus zu steuern ist und bleibt wichtig, und dabei an die Vernunft der Menschen im allgemeinen zu appellieren, nur recht und billig; ebenso wird man in gewissen, neuralgischen Bereichen, wenigstens anfangs, nicht umhinkommen, gewisse Verordnungen zu treffen; sobald man aber darangeht, mit mangelnder Empathie in die höchsten Grundwerte eines demokratischen Gemeinwesens einzugreifen, so läßt sich dies auch nicht mehr mit dem Argument der allgemeinen Sicherheit rechtfertigen – ein Argument, das generell häufig gebraucht wird, sobald es darum geht, durch Instrumentalisierung der Begriffe eine leichtere Manipulier- und Lenkbarkeit der Massen zu erreichen. Und gerade in diesem Punkte ist allerhöchste Vorsicht geboten: denn wenn man hier nicht zur rechten Zeit gegensteuert, so läuft unsere Gesellschaft Gefahr, nachgerade und mit Kalkül in ein System der totalen Kontrolle und digitalen Sklaverei geschleust zu werden, das dem Machtmißbrauch durch die Akteure und Profiteure desselben Tür und Tor öffnet!
Wenn man also ungeachtet aller vorrangigen Virusdebatten nicht anfängt, in noch viel stärkerem Maße als bisher auf die geistig-seelischen Bedürfnisse der Menschen zu reagieren, werden Psychologen und Kinderpsychologen in Zukunft sich über mangelnde Arbeit nicht zu beklagen haben. Wir wollen also davor warnen, die Problematik nur in der Eindämmung des Virus zu sehen, und wir wollen außerdem davor warnen, das Volk durch unangebrachte, allzu restriktive Maßnahmen vor den Kopf zu stoßen und damit wesentlich gröbere, langfristige Folge- und Kollateralschäden heraufzubeschwören, deren nachmalige Behebung aller Wahrscheinlichkeit nach schwieriger und von längerer Dauer sein wird als die Bekämpfung des ursächlichen Problems! Freilich, materielle und physische Gebrechen, ob sie nun einzelne oder gleich eine ganze Gesellschaft betreffen, werden immer zuerst sichtbar und sind deshalb viel offensichtlicher, und das ist wohl auch der Grund dafür, weshalb man die geistig-seelische Dimension leider zu allen Zeiten auf das sträflichste vernachlässigt hat; welch irreparable Schäden allerdings eine aus den Fugen geratene, geistige Gesinnung verursacht, wenn die Volksseele einmal durch Angst und staatlichen Terror vergiftet wird, das hat man am schlimmsten und erschütterndsten vor etwa achtzig, neunzig Jahren gesehen, denn das große Übel jener Zeit konnte erst geschehen, nachdem alle demokratischen Werte vergiftet waren; verlieren wir also bei allen Virus- und Krisendebatten nicht die geistigen und seelischen Bedürfnisse der Menschen aus den Augen, auf die es nach Maßgabe vernünftiger und humaner Entscheidungen Rücksicht zu nehmen gilt!



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