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51

 

Unbeständigkeit und Wunderlichkeit.

 

Allein von seiner Arbeit zu leben und über den mächtigsten Staat der Erde zu gebieten, sind höchst widersprüchliche Dinge. Beide sind in der Person des Großtürken [1] vereinigt.

 

52

 

751. Der Zipfel einer Kapuze treibt 25.000 Mönche auf die Barrikaden [2].

 

53

 

Er besitzt vier Bediente [3].

 

54

 

Er wohnt jenseits des Wassers [4].

 

55

 

Wenn man zu jung ist, urteilt man nicht gut, ebenso, wenn man zu alt ist.

Wenn man nicht genug darüber nachdenkt, oder umgekehrt zu viel darüber nachdenkt, so beharrt man auf seiner Ansicht und läßt sich ganz und gar von ihr einnehmen [5].

 

Wenn man sein Werk sogleich betrachtet, nachdem man es vollbracht hat, ist man noch ganz davon eingenommen, wenn zu lange danach, hat man dazu keinen Zugang mehr.

 

Ebenso verhält es sich bei jenen Gemälden, die wir bald aus zu großer, bald aus zu geringer Entfernung betrachten. Und es gibt nur einen unteilbaren Punkt, welcher der rechte Ort dafür wäre. Alle anderen Orte sind bald zu nahe, bald zu weit entfernt, zu hoch oder zu niedrig. Die Perspektive weist uns diesen Punkt in der Malkunst an [6]. Allein wer soll uns denselben in Sachen der Wahrheit und der Moralität anweisen?

 

56

 

Die Macht der Fliegen: sie gewinnen Schlachten [7], hindern unsere Seele zu handeln [8], verzehren unseren Leib.

 

57

 

Eitelkeit aller Wissenschaft.

 

Die Wissenschaft von den äußerlichen Dingen wird mich in Zeiten der Betrübnis nicht über die Unkenntnis der Moral hinwegtrösten, die Sittenlehre indes wird mich stets über die Unkenntnis der äußerlichen Wissenschaften hinwegtrösten.

 

58

 

Zustand des Menschen.

 

Unbeständigkeit, Langeweile, Rastlosigkeit.

 

59

 

Jene Gewohnheit, die Könige in Begleitung von Wachen, Tambours, Offizieren und all den übrigen Dingen zu sehen, welche der Maschine Achtung und Furcht einflößen, bewirkt, daß deren Person, wenn diese zuweilen alleine und ohne diese Begleiterscheinungen auftritt, ihren Untertanen Achtung und Furcht einflößt, weil man ihre Person in Gedanken keineswegs von ihrer Gefolgschaft, die man sich gewöhnlich untrennbar mit ihr verbunden denkt, zu trennen vermag. Und die Welt, die nicht weiß, daß diese Wirkung von jener Gewohnheit herrührt, glaubt, daß sie einer natürlichen Kraft entspringe. Und von daher rühren auch jene Worte: Das Wesen [9] der Gottheit ist in sein Antlitz gegraben usw.

 

60

 

Die Macht der Könige beruht auf der Vernunft und der Torheit des Volkes, und zwar namentlich auf der Torheit. Das größte und bedeutendste Ereignis der Welt hat die [menschliche] Schwäche als Grundlage. Und eben diese Grundlage ist erstaunlich sicher, denn es gibt nichts Gewisseres, als daß das Volk schwach bleiben wird. Was auf die reine Vernunft gegründet ist, hat sehr schlechte Grundlagen, wie etwa die Wertschätzung für die Weisheit.

 

61

 

Die Natur des Menschen entspricht nicht einem beständigen Vorwärtsschreiten. Sie hat ihre Höhen und Tiefen.

Das Fieber hat seine Schauer und seine Glut. Und die Kälte zeigt ebenso sehr den Umfang der Fieberglut als die Hitze selbst.

Die Erfindungen der Menschheit gehen von Jahrhundert zu Jahrhundert denselben Gang. Mit der Güte und der Bosheit der Welt verhält es sich im allgemeinen gleich [10].

Plerumque gratae principibus vices [11].

 

62

 

Schwachheit.

 

Alle Beschäftigungen der Menschen konzentrieren sich auf ihren Besitz, und sie würden ihren Anspruch nicht darzulegen wissen, ob ihnen jener nun zu recht eigne, denn sie besitzen nur ihre Einbildung [12] und auch nicht die Macht, ihres Besitzes sicher zu sein.

Dasselbe gilt in bezug auf das Wissen, denn die Krankheit löscht es wieder aus.

Wir sind zur Wahrheit wie zum Besitztum unfähig.

 

63

 

Ferox gens nullam esse vitam sine armis rati [13].

Sie lieben den Tod mehr als den Frieden, andere lieben den Tod mehr als den Krieg.

Jedwede Auffassung kann dem Leben vorzuziehen sein, das wir auf so starke und natürliche Weise zu lieben scheinen [14].

 

64

 

Um ein Schiff zu kommandieren, wählt man nicht denjenigen unter den Reisenden aus, der aus dem besten Hause stammt [15].

 

65

 

In jenen Städten, wo man nur durchreist, bekümmert man sich nicht viel darum, geachtet zu werden. Allein wenn man dort ein Weilchen zubringen muß, bekümmert man sich darum. Wieviel Zeit bedarf es hierzu? Einer Zeit, die unserer nichtigen und kümmerlichen Lebensdauer entspricht.

 

66

 

Eitelkeit.

 

Respekt bedeutet: Beschwere dich selbst [16].

 

67

 

Was mich am meisten erstaunt, ist zu sehen, daß sich niemand über seine eigene Schwachheit verwundert. Man handelt ernsthaft, und jeder einzelne folgt dabei seinen Umständen, nicht etwa, weil es tatsächlich gut ist, ihnen zu folgen, weil es doch einmal so üblich ist, sondern so, als ob jedermann mit Gewißheit wüßte, wo die Vernunft und die Gerechtigkeit liegen. Man sieht sich auf diese Weise allenthalben enttäuscht, und in einer Art lächerlichen Selbsterniedrigung glaubt man, daß es unser eigener Irrtum sei und nicht jener Irrtum der Kunst, deren man sich allezeit rühmt, sie zu besitzen. Aber es ist zum Ruhme des Pyrrhonismus selbst gut, daß es da so viele Leute auf der Welt gibt, welche keine Pyrrhoniker sind, um darzutun, daß der Mensch leicht der übertriebensten Meinungen fähig ist, da er doch einmal fähig ist zu glauben, daß er nicht in jener natürlichen und unvermeidlichen Schwäche lebe, und fähig zu glauben, daß er vielmehr im Besitze der natürlichen Weisheit sei.

Nichts bestärkt den Pyrrhonismus mehr als der Umstand, daß es Menschen gibt, die keine Pyrrhoniker sind. Wenn alle Pyrrhoniker wären, so würden sie sich ins Unrecht setzen.

 

68

 

Diese Schule [17] wird mehr durch ihre Feinde als durch ihre Freunde gestärkt, denn die menschliche Schwäche zeigt sich eher bei jenen, die sie nicht kennen, als bei jenen, die sie kennen.

 

69

 

Der Absatz des Schuhs [18].

 

O wie vortrefflich das gelungen ist! Welch ein geschickter Arbeiter! Welch kühner Soldat! Hierin liegt der Quell unserer Neigungen und der Wahl der Stellungen. Wie dieser dort wacker trinkt! Wie jener dort wenig trinkt! Hier liegt die Ursache dessen begründet, was die Leute zu Nüchternen und Trunkenen macht, zu Soldaten, Hasenfüßen usw.

 

70

 

Wer die Eitelkeit der Welt nicht kennt, ist selbst sehr eitel.

Allein wer kennt sie nicht, die jungen Leute ausgenommen, die alle vom Trubel, von den Zerstreuungen und von der Betrachtung der Zukunft in Anspruch genommen werden?

Indes beraubt sie ihrer Zerstreuung, so werdet ihr sehen, wie sie sich vor Langeweile verzehren.

Sie fühlen dann ihre Leere, ohne sie zu kennen, denn es bedeutet wohl, unglücklich zu sein, wenn man sogleich in eine unerträgliche Betrübnis verfällt, sobald man auf die Betrachtung seiner selbst beschränkt und auf keinerlei Art und Weise davon abgelenkt wird.

 

71

 

Berufe.

 

Die Süßigkeit des Ruhmes ist so groß, daß man ihn liebt, welchem Gegenstande er auch immer anhaften mag, und wenn es gleich der Tod wäre.

 

72

 

Zu viel und zu wenig Wein. Gebt ihr ihm keinen, so kann er die Wahrheit nicht finden. Gebt ihr ihm zuviel, desgleichen.

 

73

 

Die Menschen beschäftigen sich damit, einem Ball und einem Hasen [19] nachzujagen. Dies ist sogar das Vergnügen der Könige.

 

74

 

Welche Eitelkeit ist doch die Malerei, welche durch die Ähnlichkeit der Darstellung jener Dinge, die wir gewöhnlich keineswegs bewundern, Bewunderung erregt [20]!

 

75

 

Wenn wir zu schnell oder zu behäbig lesen, verstehen wir gar nichts.

 

76

 

Wie viele Königreiche doch nichts von uns wissen!

 

77

 

Wenige Dinge nur trösten uns, weil uns auch nur wenige Dinge betrüben [21].

 

78

 

Einbildung.

 

Sie ist jener vorherrschende Bereich im Menschen, jene Herrscherin im Reiche der Fehler und Irrtümer, welche umso arglistiger ist, als sie es nicht immer ist, denn sie würde unfehlbar das Gesetz der Wahrheit sein, wenn sie es unfehlbar vom Irrtum wäre. Doch da sie zumeist betrüglich ist, gibt sie überhaupt kein Merkmal ihres Wesens an die Hand, weil sie das Wahre wie das Falsche stets mit denselben Merkmalen darstellt. Ich rede hier nicht von den Narren, ich spreche von den Gebildetsten, denn gerade unter ihnen genießt die Einbildung das große Vorrecht, die Menschen zu überzeugen. Die Vernunft mag noch so laut rufen; sie kann den Dingen ihren Wert nicht geben [22].

Diese hochmütige, der Vernunft feindliche Macht, die sich darin gefällt, die Vernunft zu kontrollieren und zu beherrschen, um zu zeigen, wieviel sie über alle Dinge vermag, hat im Menschen gleichsam eine zweite Natur geschaffen. Sie hat ihre Glücklichen und Unglücklichen, ihre Gesunden und Kranken, ihre Besitzenden und ihre Armen. Sie bewirkt, daß wir glauben und zweifeln, und daß wir die Vernunft leugnen. Sie setzt die Sinne außer Kraft und macht diese gleichsam fühlbar. Die Einbildung hat ihre Toren wie ihre Weisen, und nichts verdrießt uns mehr als mitanzusehen, wie sie jene, die sie beherbergen, mit einer viel volleren und umfassenderen Zufriedenheit erfüllt als die Vernunft. Die eingebildeten Klugen gefallen sich selbst viel mehr, als die Besonnenen [23] sich vernünftigerweise jemals selbst gefallen können. Sie betrachten die Leute mit königlichem Stolz, sie sprechen mit Dreistigkeit und Selbstvertrauen, die anderen hingegen ängstlich und unsicher. Und dieser heitere Gesichtsausdruck verschafft ihnen oftmals den Vorteil in der Meinung der Zuhörer, so großer Gunst erfreuen sich jene eingebildeten Weisen bei Richtern derselben Art [24].

Die Einbildung kann die Narren nicht weise machen, aber sie macht jene glücklich – im Wettstreit mit der Vernunft [25], die ihre Günstlinge nur elend machen kann – indem die Einbildung die ihrigen mit Ruhm, die Vernunft die ihrigen mit Schmach bedeckt.

Wer verleiht Ansehen, wer verschafft den Personen, den Werken, den Gesetzen, den Großen Achtung und Verehrung, wenn nicht diese Einbildungskraft? Wie doch alle Schätze der Erde ohne das Einvernehmen der Einbildung ungenügend bleiben.

Würdet ihr nicht sagen, daß jener Beamte, dessen ehrwürdiges Alter einem ganzen Volke Achtung abverlangt, sich von einer reinen und erhabenen Vernunft leiten läßt und daß er die Dinge ihrem Wesen nach beurteilt, ohne sich mit jenen unnützen Verhältnissen [26] aufzuhalten, die nur die Einbildungskraft der Schwächlinge beeindrucken und irreführen? Seht ihn beim Gang zu einer Predigt [27], wobei er einen höchst demütigen Eifer an den Tag legt, indem er die Sicherheit seiner Vernunft durch die Inbrunst seiner Nächstenliebe bestärkt. Sehen wir ihn bereit, die Predigt mit beispielhafter Hochachtung anzuhören. Wenn nun der Prediger erscheinen sollte, wenn die Natur ihn nun mit einer rauhen Stimme und mit einem wunderlichen Antlitz ausgestattet hätte, sein Barbier ihn schlecht rasiert hätte und sein Kleid überdies noch zufällig besudelt wäre [28] – welch große Wahrheiten er immer auch verkünden wollte, so wette ich darauf, daß unser wackerer Senator seine feierliche Haltung verliert. Beim größten Philosophen der Welt wird seine Einbildungskraft überwiegen, sobald er sich auf einem Brett befindet – das breiter ist, als es notwendig sein müßte – wenn unterhalb desselben ein Abgrund ist, obgleich ihn seine Vernunft von seiner eigenen Sicherheit überzeugt [29]. Viele [30] gar wüßten den bloßen Gedanken daran nicht ohne Erbleichen und Schwitzen zu ertragen [31].     

Ich will hier nicht alle Wirkungen der Einbildung anführen. Wer weiß nicht, daß selbst der Anblick von Katzen, von Ratten, das Zermalmen eines Kohlestückes usw. unsere Vernunft aus der Fassung bringen kann [32]. Der Klang der Stimme beeindruckt selbst die Gebildetsten und verändert zwangsläufig eine Rede oder ein Gedicht [33]. Das Wohlwollen oder die Abneigung verändern die Urteilskraft a priori. Und um wieviel gerechter findet ein im vorhinein gut bezahlter Anwalt doch plötzlich den Fall, den er vertritt [34]! Wie sehr läßt doch sein kühnes Auftreten den Richtern, die durch dieses äußerliche Erscheinungsbild irregeführt werden, den Fall besser erscheinen! Welch lächerliche Vernunft, die ein Wind – und noch dazu in alle Richtungen - manövriert [35]! Ich könnte beinahe alle Handlungen der Menschheit anführen, die fast nur durch ihre Erschütterungen in Bewegung geraten. Denn die Vernunft ist nachzugeben verpflichtet worden, und die weiseste Vernunft nimmt jene Prinzipien, welche die menschliche Einbildungskraft allenthalben leichtfertig [36] eingeführt hat, als die ihren an. (Wir müssen, weil wir doch einmal Gefallen daran gefunden haben, den ganzen Tag für Güter arbeiten, die man als Einbildungen erkannt hat. Und sooft der Schlummer uns von den Mühen unserer Vernunft erquickt hat, heißt es unverzüglich wieder aufspringen, um diesen Seifenblasen [37] nachzujagen und die Einwirkungen jener Beherrscherin der Welt weiter zu erdulden.)

Unsere Justizbeamten haben dieses Geheimnis freilich gut erkannt. Ihre Purpurroben, ihre mit Pelz gestickten Hermelinmäntel, in die sie sich gleich Pelzkatzen [38] einwickeln, die Paläste, wo sie Recht sprechen, die Lilienbanner – all dieser aufwendige Apparat war in höchstem Maße notwendig. Und wenn die Ärzte keine Leibröcke [39] und Pantoffeln trügen und die Rechtsgelehrten keine quadratischen Barette und keine vierteiligen, viel zu weite Mäntel hätten – schwerlich hätten sie jemals die Welt getäuscht, die einer so glaubwürdigen Zurschaustellung nicht zu widerstehen vermag. Wenn sie im Besitze der wahren Gerechtigkeit wären und die Ärzte die rechte Kunst zu heilen verstünden, so könnten sie auf ihre viereckigen Mützen getrost verzichten. Die Erhabenheit jener Wissenschaften nämlich wäre an und für sich ehrbar genug; da sie jedoch nur im Besitze ihrer eingebildeten Wissenschaften sind, sehen sie sich gezwungen, sich mit diesem nutzlosen Tand zu umgeben, der die Einbildungskraft auf das hinlenkt, was sie gerne vorstellen möchten. Und dadurch verschaffen sie sich in Wahrheit Achtung.

Alleine die Kriegsdiener kostümieren sich nicht auf diese Art und Weise, weil ihre Rolle in der Tat eine weit wesentlichere darstellt. Diese setzen sich vermöge der Gewalt durch, jene anderen vermittelst Blendwerk.

Jener letztere Umstand ist ferner auch der Grund, daß unsere Könige keine derartigen Maskeraden angestrebt haben. Sie haben sich nicht in außergewöhnliche Gewänder gehüllt, um als Könige zu erscheinen, sondern sie umgeben sich mit Wachen, mit Hellebardisten. Diese bewaffneten Truppen, welche ihre Arbeit und ihre Macht nur um der Könige willen ausüben, die Trompeter und Trommler, die ihnen voranschreiten und all jene Heerscharen, die sie umgeben, lassen die Stärksten und Festesten erzittern [40]. Sie haben nicht allein ihre Tracht, sie haben auch die tatsächliche Macht. Man müßte einen höchst klaren Verstand haben, um den Großtürken in seinem prächtigen Serail, umgeben von vierzigtausend Janitscharen, für einen gewöhnlichen Mann anzusehen.

Nicht einmal können wir uns einen Anwalt im Leibrock und mit der Mütze auf dem Kopfe vorstellen, ohne nicht zugleich einen vorteilhaften Begriff von seinem Eigendünkel zu bekommen [41].

Die Einbildungskraft verfügt über alles. Sie beeinflußt die Schönheit, die Gerechtigkeit und das Glück, das der Welt als die Hauptsache gilt.

Ich möchte von ganzem Herzen jenes italienische Buch kennenlernen, von dem ich nur den Titel kenne, der schon für sich allein viele Bücher aufwiegt, Dell‘ opinione regina del mondo [42]. Ich billige es, ohne es zu kennen, das Schlechte ausgenommen, sollte es etwas dergleichen enthalten.

Diese etwa sind die Auswirkungen jener betrüglichen Eigenschaft, die uns fast mit Absicht zu eignen scheint, um uns in einen notwendigen Irrtum zu verwickeln. Wir haben diesbezüglich viele andere Richtlinien.

Allein nicht nur die alten Eindrücke sind imstande, uns zu täuschen, auch dem Reiz der Neuheit eignet dieselbe Kraft. Von daher kommt aller Streit der Menschen, die sich wechselseitig Vorwürfe machen, entweder den falschen Eindrücken ihrer Kindheit [43] zu folgen oder leichtfertig allen Neuheiten hinterherzulaufen. Wer wählt den goldenen Mittelweg? Er soll auftreten, er soll es beweisen. Es gibt keinen Grundsatz, selbst wenn er von Kindesbeinen an besteht – so natürlich er auch immer sein mag, der nicht als ein falscher Eindruck, sei es der Erziehung, sei es der Wahrnehmung, vorgestellt worden wäre.

„Weil“, sagt man, „ihr von Kindheit an geglaubt habt, daß ein Koffer leer wäre, wenn ihr nichts darin erblicken konntet, habt ihr die Leere für möglich, [ja sogar für wahrscheinlich] gehalten. Dergleichen ist eine durch die Gewohnheit bestärkte Sinnestäuschung, welche durch die Wissenschaft berichtigt werden muß [44].“ – Andere wieder behaupten: „Weil man euch in der Schule [45] gesagt hat, daß es überhaupt keine Leere gebe, hat man euren gesunden Menschenverstand verdorben, der vor diesem üblen Eindruck alles so artig begriffen hat, was durch die Rückkehr zu eurer ursprünglichen Natur berichtigt werden muß.“ – Wovon ist die Täuschung nun ausgegangen: von den Sinnen oder von der Erziehung?

Wir kennen eine andere Ursache unserer Irrtümer, die Krankheiten. Sie schädigen und verderben unser Urteilsvermögen und unsere Sinne. Und wenn die schweren Krankheiten sie empfindlich schwächen, bezweifle ich nicht, daß auch die leichten ihren entsprechenden Einfluß auf die letzteren ausüben. [46]

Ferner ist unser Eigennutz ein gar treffliches Werkzeug, uns unseren hellen Blick auf die angenehmste Weise zu verderben. Es ist dem gerechtesten Manne der Welt nicht erlaubt, Richter in seiner eigenen Sache zu sein. Ich kenne Leute, die, um nicht dieser Selbstgerechtigkeit zu verfallen, im umgekehrten Falle die Ungerechtesten auf der ganzen Welt gewesen sind. Das sicherste Mittel, einen völlig ehrlichen Rechtshandel zu verlieren, war, ihnen diesen Handel von ihren nahestehenden Verwandten empfehlen zu lassen [47]. Gerechtigkeit und Wahrheit sind zwei so feinsinnige Punkte, sodaß unsere menschlichen Sensoren zu stumpf sind, um sie genau definieren zu können. Wenn die Sensoren dorthin gelangen, vernichten sie das Eigentliche daran und stützen sich ringsherum eher auf das Falsche als auf das Wahre.

(Der Mensch ist so glücklich organisiert, daß er keinerlei rechten Begriff vom Wahren, dafür mehrere vortreffliche Begriffe vom Falschen besitzt. Untersuchen wir nun, wieviele.

Aber die lächerlichste Ursache seiner Irrtümer ist der Kampf zwischen den Sinnen und der Vernunft.)

Der Mensch ist lediglich ein Wesen voll natürlichen, ohne die Gnade unauslöschlichen Irrtums. Nichts [und niemand] zeigt ihm die Wahrheit. Alles führt ihn in die Irre [48]. – Wir wollen damit das Kapitel über die trügerischen Mächte beginnen. – Jene beiden Grundlagen der Wahrheit, die Vernunft und die Sinne – abgesehen davon, daß es allen beiden an Wahrhaftigkeit gebricht – betrügen sich wechelweise, die eine die anderen. Die Sinne täuschen die Vernunft durch falsche Erscheinungen, und dieselbe Täuschung, welche sie der Seele vermitteln, erhalten sie ihrerseits von der Vernunft wieder zurück. Die Vernunft rächt sich gewissermaßen. Die Leidenschaften der Seele verwirren die Sinne und vermitteln ihnen falsche Eindrücke. Sie lügen und betrügen sich wechselweise um die Wette [49]. Doch außer diesem Irrtum, der durch Zufall und mangelndes Einvernehmen zwischen diesen verschiedenartigen Kräften entsteht ...

 





[1] Wenigstens gilt es als bestätigt, daß gewisse Sultane die manuelle Tätigkeit nicht verschmähten. Der Großtürke erscheint wieder in seiner Herrlichkeit in Fragment Nr. 78.  

[2] Die Ziffer 751 verweist auf eine Seite in der Ausgabe der Aufsätze von Montaigne (1652), die Pascal studierte. Die Welt wird darin als eine Komödie dargestellt, worin jeder sich mit seiner Rolle identifiziert, anstatt sie zu spielen: „Wir wissen die Haut nicht vom Hemde zu unterscheiden“ (Aufsätze, III, 10, S 1011). In dem von Pascal hinzugefügten Beispiel betrachteten die Brüder des Minoritenordens scheinbar das geringste Detail ihres Habits als für ihre Berufung notwendig, da ja ehedem ein langer Streit in bezug auf die Form ihrer Kapuzen geherrscht hatte.

[3] Siehe Fragment Nr. 123

[4] Siehe Fragment Nr. 94

[5] Sich einnehmen lassen: sich starrköpfig einem Gegenstand verhaften.

[6] Siehe den Artikel von J. Mesnard, „Sichtweise und Perspektive in den Betrachtungen von Pascal“, Kurier des Internationalen Zentrums Blaise Pascal, Nr. 16, 1994, S 3-8.

[7] Die Bienen („Honigfliegen“) haben die Portugiesen gejagt, welche die Stadt Tamly belagerten (Montaigne, Aufsätze, II, 12, S 476).

[8] Siehe Fragment Nr. 81.

[9] Wesen: Merkmal, erkennbares Zeichen. Der Begriff spielt zugleich im technischen Wortverzeichnis (vgl. Kennzeichen der Buchdruckerei) wie im theologischen Wortverzeichnis eine Rolle (wo er das unauslöschliche, spirituelle Merkmal bezeichnet, das dem Christen durch die Sakramente der Taufe, der Konfirmation und der Priesterweihe aufgeprägt wird). 

[10] Aufsätze, II, 12, S 566: „Ich tue nichts weiter als Kommen und Gehen: mein Urteil schreitet nicht beständig voran; es treibt umher, es irrt umher (=es geht aufs Geratewohl)“; „Ein Fieber hat seine Hitze- und Kälteschauer; von den Wirkungen einer glühenden Leidenschaft verfallen wir wieder den Wirkungen einer frostigen Leidenschaft“; III, 6, S 907, in bezug auf die römische Antike: „jene Jahrhunderte erwiesen sich fruchtbar für andere Geister, die nicht die unseren sind. Es geht mit dieser Art von Fruchtbarkeit ebenso wie mit allen übrigen Hervorbringungen der Natur. Das bedeutet nicht zu behaupten, daß die Natur seinerzeit ihren letzten Versuch unternommen hätte. Wir schreiten überhaupt nicht, wir schweifen eher umher und wenden uns bald hierhin, bald dorthin. Wir wandeln gleichsam auf unseren eigenen Spuren.“ 

[11] Zitat von Horaz (Oden, III, 29, Vers 13), übersetzt von Montaigne (Aufsätze, I, 42, S 264): „Oftmals gefällt den Großen die Abwechslung; und bescheidene und einfache Mahlzeiten unter des Armen Dach, ohne Teppich und ohne Purpur, vermochten ihr sorgenvolles Antlitz zu glätten.“ Anstelle von princibus (=den Großen), schrieb Horaz divitibus (= den Reichen).

[12] Jene Einbildung, welche die Gesetze beschließt und über die Gerechtigkeit entscheidet (siehe Fragment Nr. 78).

[13] Weil Cato den Bewohnern gewisser Städte in Spanien das Tragen von Waffen verbot, brachte sich eine große Anzahl von ihnen um: „Ungezähmte Nation, welche ohne Waffen nicht zu leben wußte“ (Titus Livius, Geschichte Roms, XXXIV, 17; nach: Aufsätze, I, 14, S 61).

[14] Aufsätze, I, 14, S 53: „Jede Meinung ist stark genug, um sich ihr zum Preis des Lebens anzuschließen.“

[15] Siehe Fragment Nr. 786.

[16] Siehe Fragment Nr. 115.

[17] Die philosophische Schule der Pyrrhoniker.

[18] Dieser rätselhafte Titel, der sich auf das Handwerk des Schusters bezieht, erhellt, wenn man ihn in der pascalschen Betrachtung über die Berufe (Fragment Nr. 71, 162), deren Wahl von dem Bedürfnisse nach Anerkennung und Bewunderung bedingt wird, ersetzt (vgl. Fragment Nr. 527, 97).  

[19] Siehe Fragment Nr. 168 (der Ball; die Jagd). Der Ball und der Hase finden sich – stets als Symbol für das Vergnügen – in Fragment Nr. 453 wieder.

[20] Die Nachahmung im allgemeinen, und insbesondere im Bereich der Künste, hat gemäß Aristoteles die Macht, die Reaktion, die wir vor den „Originalen“ zeigen, umzukehren: „wir finden Gefallen, Bildnisse mit genauesten Darstellungen jener Dinge zu betrachten, deren Anblick uns in der Realität peinlich berührt, wie etwa die Formen der mißgestaltetsten Tiere und von Kadavern“ (Poetik, IV, 1448b). 

[21] Aufsätze, III, 4, S 836: „Wenige Dinge zerstreuen und lenken uns ab, denn wenige Dinge nehmen uns ein.“

[22] Aufsätze, I, 14, S 62: „Unsere Meinung gibt den Dingen ihren Wert.“

[23] Die hellsichtigen, scharfsinnigen Personen, jene, welche der folgende Text als „Freunde der Vernunft“ bezeichnet. 

[24] Aufsätze, III, 8, S 938: „Nichts verdrießt mich an der Dummheit so sehr als die Art und Weise, mit der sie sich besser gefällt, als jede Vernunft sich vernünftigerweise jemals selbst gefallen kann. Wahrlich ein Jammer, daß euch die Besonnenheit davor bewahrt, in euch selbst zu vertrauen und euch mit Selbstzufriedenheit zu erfüllen, und euch immer dann unzufrieden und furchtsam findet, wo der Eigendünkel und die Verstiegenheit ihre Gaben der Fröhlichkeit und der Sicherheit in Fülle verschwenden. Es geziemt den Ungeschicktesten und Unfähigsten, die andern Leute gleichsam von oben herab anzusehen, da sie aus dem Wettstreit stets ruhmbedeckt und im Hochgefühl des Sieges hervorgehen. Und am alleröftesten erringt ihnen jene Anmaßung und Überheblichkeit der Rede und jene Fröhlichkeit des Angesichts auch noch die Gunst des Publikums, das gemeinhin schwächlich und unfähig dazu ist, wahre Vorzüge gut beurteilen und unterscheiden zu können.“             

[25] Mit der Vernunft rivalisierend. Pascal schreibt der Einbildung das zu, was Montaigne auf das Glück bezog (d. h. auf das blinde Glück, auf den Zufall): „Wir gewahren gewöhnlich an den Weltbegebenheiten, daß das Glück, das Gefallen daran findet, unseren Dünkel niederzuschlagen und um uns zu zeigen, wieviel es über alle Dinge vermag, die Unfähigen im Wettstreit mit der Tugend glücklich macht, da es sie nicht weise zu machen vermochte“ (Aufsätze, III, 8, S 933).

[26] Aufsätze, III, 8, S 931: „Ich sträube mich bereitwillig wider jene unnützen Verhältnisse, die unsere Urteilskraft durch die Sinne irreführen; und ich habe, indem ich ein Auge auf diese außergewöhnlichen Größen hatte, festgestellt, daß es zumeist Menschen wie alle übrigen sind.“ 

[27] Zunächst hatte Pascal geschrieben: „in eine Kirche“. Im übrigen kann Eintritt den Beginn oder Anfang eines Zustandes oder einer Handlung bezeichnen.

[28] Unser Prediger ähnelt damit vollends einer Figur der Komödie (vgl. La Jalousie du Barbouillé von Molière, wo der Hauptdarsteller die Bühnenfigur des beklecksten und beschmutzten „Wein-geht-zur-Neige“ spielte).

[29] Aufsätze, II, 12, S 594: „Wenn man einen Philosophen in einem Käfig von feinen, spärlich angebrachten Gitterstäben aus Eisen auf den Türmen der Kathedrale von Notre-Dame zu Paris aussetzt, so wird er kraft seiner Vernunft deutlich erkennen, daß es unmöglich ist, von dort hinunterzufallen, er wird sich jedoch angesichts einer solch großen Höhe nicht davor zu verwahren wissen (wo er nicht gerade der Zunft der Dachdecker angehört), sich allenfalls zu entsetzen und zu erstarren. Wenn wir nun einen Balken zwischen diesen beiden Türmen aufpflanzten, von einer solchen Breite, daß sie uns erlaubte, darauf spazierenzugehen, so gibt es keine philosophische Weisheit von solcher Festigkeit, die uns einen solchen Mut verleihen könnte, so darüber hinzuschreiten, wie wir es tun würden, wenn er auf der Erde läge.“ Das Beispiel vom Balken, welches die Macht der Einbildungskraft demonstrieren sollte, führt auf Thomas von Aquin zurück (Summa contra gentiles, III, 103), der es wiederum Avicennus verdankt (Über die Seele, IV, 4).      

[30] Viele, im absoluten Sinne verwendet: eine große Anzahl von Personen.

[31] Aufsätze, I, 21, S 98: „Wir schwitzen, wir erzittern, wir erbleichen und erröten ohnegleichen vor den Erschütterungen, welche unsere Einbildungskraft verursacht.“

[32] Aufsätze, II, 12, S 595: „Die Ärzte halten an der Meinung fest, daß es gewisse Charaktere gibt, die sich durch irgendwelche Töne und Instrumente bis zur Raserei erregen. Ich habe welche gesehen, die nicht imstande waren mitanzuhören, wie ein Knochen unter ihrem Tisch zernagt wurde, ohne die Geduld zu verlieren; und es gibt kaum einen Menschen, der sich nicht durch jenen kreischenden und durchdringenden Lärm gestört fühlt, den eine Feile verursacht, sobald sie über Eisen hinwegraspelt.“ 

[33] Aufsätze, II, 12, S 593: „Man hat mir weismachen wollen, daß ein Mann, der allenthalben in Frankreich bekannt ist – wenn er mir von sich verfaßte Verse vorgetragen hätte – mich davon überzeugt hätte, daß es nicht die nämlichen auf dem Papier wären, so er sie zitierte, und daß meine Augen meinen Ohren gegenüber davon ein gegensätzliches Urteil fällen würden, so sehr tragen Betonung und Aussprache zu Wert und Form der Werke bei, die Gnade bei ihm finden.“

[34] Aufsätze, II, 12, S 566: „Trägt ihr einem Advokaten schlichtweg einen Fall vor, so antwortet er euch darauf schwankend und zweifelhaft: ihr fühlt, daß es ihm einerlei gilt, sich der einen oder der anderen Partei anzunehmen, um sie zu unterstützen; habt ihr ihn aber gut bezahlt, um ihn für den Fall zu gewinnen und um ihm einen Anreiz zu geben, und fängt er an, sich für den Fall zu interessieren und hat dies seine Bereitschaft geweckt, so werden seine Vernunft und seine Klugheit gleichzeitig erregt; das ist eine offensichtliche und unzweifelhafte Wahrheit, welche sich seinem Verstande offenbart; er entdeckt darin eine völlig neue Art und Weise der Betrachtung, glaubt dies mit Wohlbedacht und überredet sich in der Folge selbst dazu.“     

[35] Aufsätze, II, 12, S 595: „Wahrhaft, es gibt guten Grund, so großes Aufhebens von der Sicherheit jenes schönen Stückes zu machen, das sich von einem so feinen Wind zur Unordnung und zum Unglück bestimmen und gebrauchen läßt!“ Das schöne Stück ist das Urteil, und der feine Wind ist jener der Stimme.

[36] Leichtfertig impliziert gemäß der Etymologie den Begriff des Zufalles. Vgl. Fragment Nr. 94: „Die Leichtfertigkeit des Zufalles.“

[37] Illusionen.

[38] Pelzkatzen: Beiname der Magistrats- und Universitätsbeamten, die auf der Schulter, als Insignien ihrer Würde, eine Pelzepaulette trugen – einen runden Schulterwulst mit Stoffborten, die mit Hermelin bestickt sind.

[39] Roben.

[40] Siehe Fragment Nr. 59.

[41] Seine Qualitäten. Aufsätze, III, 8, S 930: „die ausgesuchte Wichtigkeit, die Robe und die glücklichen Umstände des Sprechenden begünstigen oftmals an sich leere und unnütze Gegenstände; es ist kaum anzunehmen, daß ein so liebenswerter und ehrbarer Herr in seinem Innern etwa irgendeinen anderen als nur einen liebenswerten Dünkel haben könnte.“     

[42] Über die Meinung, die Königin der Welt. Das Werk konnte nicht mit Sicherheit bestimmt werden. Die monarchische Würde der Meinung wird in Fragment Nr. 546 von der Tyrannei der Gewalt unterschieden. G. Ferreyrolles, Die Königinnen der Welt. Die Einbildung und die Gewohnheit bei Pascal, Paris, Champion, 1995.

[43] Vgl. Descartes, Prinzipien der Philosophie, I, 71 („Daß die erste und größte Ursache unserer Irrtümer die vorgefaßten Meinungen unserer Kindheit sind“) und 72 („Daß die zweite Ursache darin besteht, daß wir nicht imstande sind, diese vorgefaßten Meinungen zu vergessen“), Werke, Edition Adam-Tannery, Vrin, 1996, IX-2, S 58-60.

[44] Vgl. ebdt., II, 17-18, S 72-73.

[45] Die Schule: der theologische und philosophische Unterricht – der letztere die Physik nicht auslassend – gemäß den Grundlagen und dem Vorbilde der mittelalterlichen Universität. In der aristotelischen Richtung setzt die Schule ein „Grauen der Natur vor der Leere“ voraus. Descartes, obgleich er diese Art der Scholastik bekämpft hat, bedient sich ihrer, um die Leere zu verneinen. Pascal, im umgekehrten Sinne, zeigt durch seine Versuche, daß das vorausgesetzte Grauen der Natur in bezug auf die Leere nur eine Grille ist und die Wirkungen, die ihr zugeschrieben werden, in Wahrheit lediglich aus der Schwere der Luft erhellen (Abhandlung vom großen Experiment über das Gleichgewicht der Flüssigkeiten, 1648).  

[46] Aufsätze, II, 12, 564-565: „Es ist gewiß, daß unsere Anschauung, unsere Urteilskraft und die Fähigkeiten unserer Seele im allgemeinen entsprechend den Schwankungen und Störungen unseres Körpers leiden. (...) Allein es sind nicht nur die fieberhaften Zustände, die berauschenden Getränke und die großen Unfälle, die unsere Urteilskraft verwirren; die kleineren Dinge dieser Welt tun dies nicht minder. Und man muß nicht daran zweifeln, obwohl wir es kaum fühlten, daß, wenn ein beständiges Fieber unsere Seele zu überwältigen vermag, nicht auch die letzteren ihren Beitrag zu unserer Zerrüttung, ihrem Umfang und ihrem Verhältnisse entsprechend, leisten könnten.“  

[47] Siehe Guez de Balzac, Aristippos oder über das Höfische (1658), VI. Gespräch: „Ich habe von diesen falschen Gerechten hier wie dort den Gipfel solcher Ausprägungen gesehen. Ich habe in der Tat welche gesehen, die, damit man ihre Rechtschaffenheit bewunderte und um die Welt gleichsam zu nötigen, allenthalben zu erzählen, daß die Gunst nichts über sie vermag, Partei für die Interessen eines Fremden gegen jene eines Verwandten oder Freundes ergriffen, obgleich die Vernunft freilich auf der Seite des Verwandten oder Freundes gewesen wäre. Sie waren entzückt darüber, zu bewirken, daß jener Fall, der ihnen von ihrem eigenen Neffen oder Cousin empfohlen worden war, verloren wurde; und den übelsten Dienst, den man einer guten Sache leisten konnte, war eine derartige Empfehlung.“      

[48] Aufsätze, II, 12, S 553: „Alles, was wir ohne die Hilfe Gottes unternehmen und was wir ohne das Licht seiner Gnade ansehen, ist nichts weiter als Eitelkeit und Torheit; und sogar das Wesen der Wahrheit, die doch stets gleich und unveränderlich ist, verderben und entarten wir – wenn uns das Glück mit deren Besitz begnadet hat – durch unsere [menschliche] Schwäche.“

[49] Aufsätze, II, 12, S 595-596: „Jene selbe Täuschung, welche die Sinne unserem Verstande unterschieben, erhalten sie ihrerseits wieder zurück. Unsere Seele rächt sich zuweilen auf dieselbe Weise: sie täuschen und betrügen sich gewissermaßen um die Wette. (...) Unsere Sinne sind nicht allein schwach, sondern oftmals gänzlich durch die Leidenschaften der Seele abgestumpft. (...) Auf diese Weise ist sowohl das Innere wie auch das Äußere des Menschen voll Schwäche und Irrtum.“




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